Neuer Zürcher Hotspot für Retro-Selfie-Fans

Zurück

Schwarzweiss-Fotoautomaten sind längst im Aussterben begriffen. In Zürich gäbe es heute keine einzige der kultigen alten Schnellbildkisten mehr – wäre da nicht Patrick Frank.

Vorhang zu, Sitzhöhe passend, Haare schön, Fränkler drin – und los gehts! Zu zweit, zu dritt, zu fünft. Wechselnde Mienen oder Outfits zwischen den Blitzen, der Gestank nach faulen Eiern und dann das Gekreische – vor Begeisterung über besonders blöde Grimassen oder die wunderbar pickelfrei ausgeblitzte Stirn. Wer kennt sie nicht aus der eigenen Jugendzeit, die Abenteuer im guten alten Schnellbildautomaten! Über viele Jahrzehnte hinweg war er eine fotografische Institution, ein Stück Alltags- und Jugendkultur.

Automatenrochade

Heute sind analoge Fotoautomaten eine Rarität. Wo sie neben den digitalen Modellen überlebt haben, geniessen sie Kultstatus. Als im Juni an der Wiediker Goldbrunnenstrasse der letzte Oldie aus der einst 150-köpfigen Schweizer Automatenfamilie von Martin Balkes Schnellfoto AG verschwand, war das auch einer grossen Tageszeitung eine Schlagzeile wert. Das Glück der Zürcher Retro-Selfie-Fangemeinde liegt nun in der Hand von Patrick Frank. Seit ein paar Jahren schon betreibt der 44-jährige Komponist, Kulturtheoretiker und Künstler privat einen alten Schwarzweiss-Fotoautomaten beim Helsinki-Klub am Bahnhof Hardbrücke. Der Oldtimer – als Fotomaschine ebenso beliebt wie als Fotomotiv – hat sogar eine eigene Facebook-Seite: «Photoautomat Zürich» informiert zum Beispiel über Funktionsmacken oder meldet steckengebliebene Bildstreifen.
Vor einem Jahr kam ein weiterer alter Knipskasten beim Kulturhaus Kosmos dazu. Inzwischen ist er allerdings wieder weg. Er sei – wegen seines versteckten Standorts – zu wenig genutzt worden, erzählt Patrick Frank auf Anfrage. Im letzten Juli kam es deshalb zu einer Automatenrochade: Der abgebaute Kosmos-Kasten ersetzt seither den baugleichen Helsinki-Kasten, der in Revision musste. Mit frischer Retrokraft getankt, erstrahlt er nun seit letzter Woche beim Xenix auf dem Kanzleiareal. Um diesen zusätzlichen Standort hat Frank lange mit den Zürcher Behörden gekämpft.

Zufall stand Pate

Woher kommt eigentlich sein Engagement für die alten Automaten? Reine Nostalgie? Frank lacht. «Ja, zum Teil wohl schon. Ich setze mich selbst immer wieder gerne in die Fotokabine.» Die treibende Kraft hinter seinem Projekt sei aber ursprünglich sein Cousin aus Berlin gewesen, erklärt er. Und das kam so: 2003, als Frank in Zürich sein erstes Kunstprojekt zeigte, kamen als Besucher auch der besagte Cousin Ole Kretschmann und dessen Freund Asger Doenst angereist. Am Wochenende sass man bei Frank zu Hause zusammen und diskutierte über einen Artikel im «Tagi-Magi», das gerade auf dem Tisch lag. Martin Balke, Gründer der Schnellfoto AG und bereits im Pensionsalter, erzählte darin über die Arbeit mit seinen selbst konstruierten Fotoautomaten – und darüber, dass er bald aufhören wolle. Diese tollen nostalgischen Fotokästen sollten einfach verschrottet werden? Das darf nicht sein, fanden die jungen Männer. Aber wie sie retten?

Die Berliner Fans blieben dran an der Frage und nahmen Kontakt mit Balke auf. Immer wieder besuchten sie den «Fotoautomatenguru», verschafften sich eigenes Know-how, transportierten schliesslich eine Reihe von Balke-Geräten nach Berlin, wo sie ein neues, kleines Retro-Automaten-Imperium aufbauten. Vor sechs Jahren liess sich auch Frank endgültig vom Fotoautomaten-Fieber packen: «Als ich den Standort beim Helsinki fand, dachte ich mir: so, jetzt aber!»

Das Zürcher Automaten-Revival, so Frank, verdanke sich also eigentlich einem grossen Zufall: Wäre damals nicht der «Tagi-Magi»-Artikel auf dem Tisch gelegen, als sein Cousin zu Besuch kam, hätte es dieses Revival nicht gegeben. Aber auch nicht ohne die treibende Kraft des Cousins und dessen Unterstützung – etwa bei der Vermittlung der sehr wenigen Firmen, die heute noch die speziellen Filme für die alten Automaten herstellen.

«Archivar des Wissens»

Frank versteht sich heute als «eine Art Archivar des Wissens über eine alte Tradition». Mit seinem Engagement hält er diese Tradition in Zürich am Leben. Dazu gehören regelmässige Kontrolltouren: Vor allem an den Wochenenden, in den intensivsten Nutzungszeiten, heisst es, Chemie, Film, Papier nachzufüllen, Abfall aus der Kabine zu räumen, Graffiti wegzuputzen. Das kann auch schon mal morgens um zwei sein.

Seine Arbeit und vor allem auch das begeisterte Feedback der Retro-Selfie-Fans – das alles mache «einfach sehr viel Spass», betont Frank. So viel, dass die neue alte Fotokabine auf dem Kanzleiareal wohl nicht seine letzte bleiben dürfte. «Vielleicht gibt’s noch einen dritten Automaten», verrät er. «Aber wenn, dann ist danach fertig, sonst wird der Aufwand zu gross.» Es hört sich fast an wie Familienplanung. Frank lacht. «Ja, meine Automaten sind irgendwie schon auch ein wenig meine Kids», bestätigt er. (Lisa Maire, Text und Foto)