«Über Schwäche reden ist eine Stärke»

Erstellt von Karin Steiner |
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Am 8. März lädt der Musiker Josip Tijan Küsnachterinnen und Küsnachter zu einem Konzert in den Singsaal Wiltiswacht ein, an den Ort, wo vor vielen Jahren seine Liebe zur Musik geweckt wurde. Inzwischen hat der 31‑Jährige international Karriere gemacht.

Karin Steiner

«Musik zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben», sagt Josip Tijan. «Sie ist für mich ein Ventil, mich auszudrücken, meine Emotionen festzuhalten und nach aussen zu tragen und über das zu reden, was mich bewegt. Es ist etwas sehr Intimes, aber zurzeit der Dreh- und Angelpunkt in meinem Leben.»

Der Grundstein dafür wurde in Josip Tijans Kindheit in Küsnacht gelegt. «Als kleiner Junge habe ich bereits im Singsaal Wiltiswacht im Singunterricht gesungen», erzählt er. An der Musikschule Küsnacht lernte er Klavier spielen, wählte das musische Profil an der Kantonsschule Küsnacht und brachte sich autodidaktisch das Gitarrespielen bei. Dennoch entschied er sich nach der Matura nicht für ein Musikstudium, sondern wurde Bauingenieur. «Das Planen und Konzipieren von Ideen gefiel mir. Zudem gab mir dieser Beruf die Möglichkeit, selbstständig zu leben und meine musikalischen Projekte zu verwirklichen.»

Auf Anhieb Erfolg

Der Küsnachter fand Arbeit und eine Wohnung in Zürich und versuchte, sich auf Spass-Basis musikalisch auszudrücken. Er zeigte seine Kompositionen seinen Freunden, und die waren begeistert. Also begann er, einige Stücke online zu stellen, und der grosse Erfolg, den er damit erntete, zeigte ihm, dass er mit seiner New-Wave-Musik mit der Klangästhetik der 80er-Jahre auf dem richtigen Weg war. Sogar ein Label aus Brasilien interessierte sich für ihn und druckte eine erste kleine Serie von Schallplatten. Es folgten das Debütalbum «Rhythm of Doubt» und die neuste EP «White Knuckled», welche vor einigen Tagen mit dem GDS-Award «Best EP 2024» gekürt wurde. Beide Releases wurden über das Augsburger Label «Young and Cold Records» veröffentlicht. Später kamen immer mehr Konzerte und Festivals dazu und es öffneten sich ihm viele Türen – sogar in Mexiko. 

Seit 2019 hat er unter dem Namen THYMIAN über 50 Auftritte im In- und Ausland bestritten. Bei Live-Auftritten wird er von Yancey Aguilar begleitet, der E‑Gitarre und E‑Bass spielt, er selber singt mit seiner tiefen Bass-Stimme, spielt E‑Gitarre und Synthesizer und ist für das Licht verantwortlich. Die Texte und die Musik hatte er alle selber geschrieben. Die Texte verfasst er in englischer und kroatischer Sprache, denn seine Familie stammt ursprünglich aus Kroatien. «Kürzlich habe ich auch erstmals einen Text auf Schweizerdeutsch verfasst», sagt er. 

Die grosse Krise

Unermüdlich textete und komponierte er in seinem kleinen Studio im Herzen von Zürich. Damit alles finanziert werden konnte, arbeitete er daneben fast Vollzeit als Statiker und ging dadurch kräftemässig wohl weit über seine Grenzen hinaus. «Auch in der Freizeit gönnte ich mir keine Ruhe, besuchte abends Konzerte und ging feiern.» Dann erlebte er etwas Traumatisches, das sein ganzes weiteres Leben beeinflussen sollte. «Auf einer Fahrt durch den Gotthardtunnel, die ich in übermüdetem Zustand antrat, bekam ich plötzlich keine Luft mehr», erzählt er. «Ich musste anhalten und hatte panische Angst.» 

Auch nach diesem Vorfall besserte sich sein Zustand nicht. Panikattacken und Angstzustände bestimmten fortan sein Leben. Er holte sich Hilfe und begann eine Therapie, um die Angststörung in den Griff zu bekommen. «Die Musik half mir viel, die Krise zu bewältigen. Ich redete in meinen Texten offen über die Ängste und drehte ein Musikvideo über das traumatische Erlebnis. Ich möchte, dass meine Songs auch anderen Menschen helfen und sie ermutigen, über ihre Ängste zu reden. Ich finde, Schwäche zu zeigen ist eine Stärke. Es ist ein Ansatz für eine menschlichere Welt.»

Das Leben umkrempeln

Heute ist Josip Tijan wieder geheilt. «Aber die Krise hat mir geholfen, zurück auf den Boden zu finden.» Er schaue mehr auf sich und gönne sich die Ruhe, die er brauche. Auch hat er seinen Job gekündigt und nimmt sich eine Auszeit. «Ich mache mit dem Velo eine halbjährige Reise durch den Balkan, die Türkei, nach Georgien und vielleicht bis nach Zentralasien», erzählt er. «In Tadschikistan liegt die zweithöchste befahrene Strasse der Welt, der Pamir-Highway, da zieht es mich hin. Bis zum Start im April widme ich mich noch voll und ganz der Musik. Auf die Reise nehme ich nur mein Tablet mit. Damit kann ich Ideen festhalten, die mir unterwegs kommen. Oft genügt nur ein einziger Ton, den ich höre, und schon habe ich eine neue Melodie im Kopf», ergänzt er lachend.

Am 8. März um 19.30 Uhr gibt THYMIAN ein Konzert im Singsaal Wiltiswacht in Küsnacht. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet Musik, die sie emotional berühren wird. Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte.